Der Schädel des Makaua
Eine Ergänzung zum Nachwort des Autors
Dr. Vincent C. Frank-Steiner, Basel
»Aber auch dieser Befehl brachte das dunkle Heiligtum nicht zum Vorschein.« Der Satz, mit dem Rudolf Frank‘s Buch schliesst, muss heute korrigiert werden: Der Schädel des Makaua kam 1953 zwanzig Jahre nach dem Erscheinen des Romans wieder zum Vorschein. Er hat ein Jahrhundert Geschichte gemacht. Im Folgenden soll sie im Überblick erzählt werden.
Makaua, der Freiheitskämpfer
Was von 1891 bis 1918 als Deutsch-Ostafrika galt und zum Deutschen Kaiserreich gehörte, ging 1918 an die Briten über, wurde zu Tanganjika und entspricht ungefähr dem heutigen Staatsgebiet von Tansania, Mitglied des Britischen Commonwealth.
Im südlichen Hochland von Tansania lebt das Volk der Hebe. Es zählt heute etwa 250 000 Menschen. Der siebte Quawa (Häuptling oder Herr) der herrschenden Dynastie Yinga oder Vayinga war Mkwawa (geboren ca. 1855), von anderen Stämmen Makaua genannt. Makaua galt seinen Zeitgenossen als der »mächtigste und tatkräftigste aller Negerfürsten«. Seine Regierungszeit dauerte von 1879 bis zu seinem Tod. Er einte sein Volk und es gelang ihm, etwa ein Drittel Deutsch-Ostafrikas zu kontrollieren. Makaua‘s siegreiche Kriegszüge in alle Himmelsrichtungen begründeten den Ruhm seines Stammes. Schon zu Lebzeiten wurden ihm magische Kräfte zugeschrieben und er kam in den Ruf, unbesiegbar zu sein.
Als Deutschland Ostafrika zu kolonialisieren und die Eingeborenen zu unterwerfen begann, erwuchs Makaua ein Gegner, dem er auf Dauer nicht standhalten konnte. Deutsche Berichte schildern jedoch sein außerordentliches taktisches Geschick.
Ein Telegramm der Deutschen Schutztruppe Ostafrika vom 13. September 1891 nach Berlin berichtet über eine Schlacht bei Rugaro: »Expeditionscorps Zelewski total aufgerieben. Vermutlich zehn Europäer, 300 Schwarze, total 300 Mauser, alle Munition, zwei Geschütze, zwei Maxim-Maschinengewehre in Feindeshand. Rest: vier Europäer, 60 Mann nach Honda geflüchtet.« Zweitausend mit Wurfspeer und Stoßlanze bewaffnete Hehe-Krieger hatten die deutsche Expeditionstruppe »aus vier Kompanien bewährter Sudanesen- und Zulu-Askaris, die mit Geschützen und Maschinengewehren ausgerüstet waren«, geschlagen. Emil von Zelewski war gefallen.
Die Aktionen gegen den »Rebellenführer« Makaua - sie standen unter dem Kommando von Hauptmann Nigmann - wurden von Leutnant Tom Prince fortgeführt. Makaua wurde mit immer größerem Aufwand verfolgt. Damals erhielt er den Beinamen »Der schwarze Napoleon«. Zur damaligen Kriegsführung berichtet eine deutsche Quelle: »Gefangene wurden nicht gemacht, sondern gehängt oder auf andere Weise umgebracht. Der Krieg hatte eine selbst für afrikanische Begriffe ungeheure Wildheit angenommen.«
1892 gelang den Hehe ein erfolgreicher Angriff gegen eine Karawane bei Mukondoa. Ein »Saphari« der Schutztruppe unter Prince, der den Beinamen »Der weiße Herr Ohnefurcht« trug, erfolgte 1894 gegen Kuirenga, die wichtigste Stadt unter Makaua‘s Herrschaft. Und hier wohl machte dieser seinen größten strategischen Fehler, indem er sich hinter den Stadtmauern zu verteidigen suchte. Die Stadt fiel am 30. Oktober 1894 und wurde dem Erdboden gleichgemacht. Makaua selbst konnte unerkannt und mit beträchtlicher Ausrüstung entkommen.
Die Berichte über Makaua‘s Verhalten in dieser Entscheidungsschlacht lassen Zweifel daran aufkommen, ob er noch bei vollem Verstand war. Seine Furcht vor Verrat hinderte ihn, alle Möglichkeiten zu nutzen. So stattete er nur ein Drittel seiner Truppen mit Gewehren aus, obwohl er genügend davon besaß. Beim Laden ließ er zwar Kugeln, aber kein Pulver stopfen. Vor allem bleibt unverständlich, weswegen er nach bis dahin erfolgreicher Guerillataktik die deutsche Kolonne nicht auf dem Weg angriff, sondern sich in einer Schlacht um seine Hauptstadt stellte.
Der Guerillakrieg und die Suche nach Makaua dauerten auch nach diesem Sieg noch lange. Meuchelmörder wurden erfolglos gegen ihn ausgesandt. Schließlich wurde eine Kopfprämie von 5000 Rupien (ca. 8000 Mark) ausgesetzt. Sein jüngerer Bruder Mpangile wurde vor ein Kriegsgricht gestellt, verurteilt und 1897 gehängt. Frauen und Kinder der Hehe wurden als Geiseln in stammesfremde Gebiete verbracht.
Über den Tod des Makaua gibt es einen Bericht des Feldwebels Merkl vom 22. Juli 1898 an das Kaiserliche Gouvernement. Merkl gehörte zur Zweiten Kompanie unter Leutnant Kuhlmann des Regiments unter Prince. Am 14. Juli 1 898 erfuhr Kuhlmann, dass sich Makaua mit vier Boys, seinem letzten Getreuen sowie dessen Weib und Kind in einem Versteck aufhalte, berichtet Merkl. Er sei daraufhin mit 15 Askaris — das waren die afrikanischen Soldaten der deutschen Truppen — und zehn Hehe ausgezogen und habe das Weib des Getreuen und später drei der vier Boys ergriffen. Am 19. Juli fing er den vierten Boy, der die Abteilung zum Versteck des erkrankten Makaua führte. Als sie sich dem Versteck näherten, hörten sie einen Schuss. Sie entdeckten zwei Männer »wie schlafend«, schossen auf sie und stellten dann fest, dass beide bereits vorher tot waren. Makaua hatte am Abend zuvor seinen Gefährten und, nachdem der letzte Boy ihn verlassen hatte, sich selbst erschossen. Merkl stellte fest, dass Makaua‘s Körper noch warm war. Er befahl einem der Hehe, den Kopf des Makaua abzutrennen, was dieser schließlich widerwillig tat. Merkl brachte den Kopf nach Iringa und kassierte 3400 Rupien des Kopfgeldes.
Am 21. Juli 1898 wurde der Kopf des Makaua »unter ungeheurem Jubel« in Iringa auf einer Stange herumgetragen. Magdalena Prince, die Frau des Hauptmanns Tom Prince, schrieb darüber in ihr Tagebuch:
Noch im Tode gönnt dieser mächtigste und tatkräftigste aller Negerfürsten, dessen Antlitz gesehen zu haben sich bisher kein
Weißer rühmen kann, seinen Todfeinden nicht den Anblick seines wahren Gesichtes, er hat sich in den Kopf geschossen, so dass seine Züge entstellt sind. Doch ist das Charakteristische des Kopfes noch zu erkennen: kleines Gesicht mit eigenartigen, geschlitzten und dennoch verhältnismäßig großen Augen; starke Nase, wulstige Lippen, besonders die Unterlippe auffallend herabhängend, fast bis zu dem stark hervortretenden energischen Kinn; dieses Kinn, die wulstigen Lippen und die vorgeschobenen Kinnladen geben dem Kopfe einen ausgesprochenen Zug von Grausamkeit und Willenskraft. Eine stark angeschwollene Beule auf der Stirn, von einem Speerstich herrührend, hat wohl den Anlass zu der weitverbreiteten Meinung gegeben, Quawa trage ein Horn an der Stirn. Wie Feldwebel Merkt berichtet, war Quawa von großer, sehr kräftiger Gestalt, etwa 1,80 Meter. Sein Körperbau entsprach also vollkommen dem gewaltigen Herrschergeist und dem eisernen Willen dieses letzten Sultans von Uhehe. Seine letzte Tat, als er sein Reich und sich selbst verloren gab, entsprach diesem blutigen und doch in seinem Verzweiflungskampfe uns sympathischen Despoten: seinen letzten, treuen Begleiter erschoss er auf der Flucht, um nicht wie ein gewöhnlicher Mensch allein, ohne eine dem tapferen Häuptling und Krieger gebührende Begleitung ins Jenseits zu gehen!
Über den Schädel des Makaua erfährt man weiter, dass er nach dem Triumphzug ins Deutsche Spital zum Trocknen gegeben worden sei. Etwa zwei Monate später sei er in einer kleinen Schachtel nach Daressalam gebracht worden, um nach Deutschland verschifft zu werden. Die Leiche des Makaua wurde von seiner Familie ohne Kopf beerdigt. Nach dem Tod des Makaua war der letzte Widerstand gegen die Kolonialisierung gebrochen. Die Deutschen begannen nun, in Ostafrika Steuern einzutreiben. Das erwies sich als schwierig, weil die Eingeborenen Geld nicht kannten. Es kam auch immer wieder zu Aufständen gegen die Deutschen, an denen sich die Hehe allerdings nicht mehr beteiligten. Doch gedachten sie alljährlich an seinem Todestag ihres großen Herrschers.
Der Schädel des Makaua war nicht der einzige, der aus Afrika nach Deutschland geschafft wurde. Schädel von Eingeborenen waren zu jener Zeit ein beliebtes, von Reiseführern empfohlenes Sammelobjekt. Schädelschalen fanden Verwendung als Aschenbecher, die sich Kolonialoffi ziere gern zu Geburtstagen und Beförderungen schenkten.
Wissenschaftliches Interesse an Sch ädeln hatten die Anthropologen. Schädelmessungen und -systematisierungen sollten die Überlegenheit der weißen Rasse belegen. Schüler dieser Anthropologen waren dann jene Mediziner und Rassehygieniker des Dritten Reiches, die durch Schädelmessungen und Abstammungsgutachten die Minderwertigkeit von Juden und Zigeunern wissenschaftlich »nachwiesen«. Der Bedarf an Schädeln war aus diesen Gründen gross und es wurden beträchtliche Mengen nach Deutsch land geschickt.
Der Schädel des Makaua im Vertrag von Versailles
Die Anregung, Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg zur Rückgabe des Schädels des Makaua zu verpflichten, ging vom damaligen britischen Administrator von Deutsch-Ostafrika, H.A. Byatt, aus. Er vermutete, der Schädel sei in einem Berliner Museum. Am 14. November 1918 stellte er bei His Majesty's Principle Secretary of State for the Colonies, Downing Street, London, den Antrag, dass die Rückgabe des Schädels im Versailler Vertrag festgelegt werden solle. Seine Rückerstattung zur zeremoniellen Beisetzung in Makaua‘s Grab würde, so Byatt, den Hehe, »die uns während des Krieges anhaltend behilflich waren«, weitgehend Satisfaktion geben. Sie wäre in den Augen der Eingeborenen ein greifbarer Beweis, dass »die deutsche Macht vollständig gebrochen ist.«
Das Colonial Office befürwortete diesen Vorschlag. Unterstaatssekretär S. Balfour vom Foreign Office leitete ihn als Instruktion an die Verhandlungsdelegation in Versailles weiter. Eine Besprechung im Auswärtigen Amt in Berlin am 16. Mai 1919 hatte folgendes Ergebnis: »Es handelt sich um den Schädel des Sultans von Uhehe, Kwave (nicht Ma kaua), der 1898 sich gegen die Deutschen erhoben hatte, und auf dessen Kopf eine Belohnung von 5000 Rupien gesetzt war. Der Schädel des Getöteten ist von einem Feld webel nach der Station gebracht worden und wahrscheinlich dort beerdigt worden. Nach den bisherigen Ermittlungen ist er nicht nach Deutschland gelangt. Nach seinem Verbleib wird noch weiter geforscht. Das Ergebnis wird vom Reichskolonialministerium unmittelbar nach Versailles mitgeteilt werden.« In den diesbezüglichen Handakten von Versailles heißt es: »Deutsche Gegenvorschläge: keine. Weitere Absichten der deutschen Regierung: Der Schädel ist niemals nach Deutschland gebracht, vielmehr in Iringa ( Ostafrika) beerdigt worden. Anspruch unbegründet.«
Als sich die Erfüllung der Klausel verzögerte, wurde der Britische Botschafter in Berlin angewiesen, darauf zu dringen, zugleich aber aufzupassen, dass ihm nicht irgendein anderer Schädel angedient werde. Schließlich unterbreitete das Deutsche Außenministerium am 6. Mai 1920 dem Foreign Office einen Bericht, in dem Oberst Ernst Nig mann darlegt, er habe den Schädel des Makaua insgeheim dessen Familie im Austausch gegen einen anderen Schädel gegeben.
Einer anderen Version zufolge wurde der Schädel aus dem Haus des Hauptmanns Tom Prince gestohlen und dann im Grab beigesetzt. Sir H.A. Byatt wies beide Versionen auf das energischste zurück und legte seinerseits einen ausführlichen Bericht mit weiteren Aussagen afrikanischer und deutscher Zeugen vor. Er schließt mit der bissigen Bemerkung, die Behauptung von der Rückgabe des Schädels sei eine reine Umkehrung der Tatsachen (travesty of facts) und stelle den Versuch dar, eine weitere Klausel des Friedensvertrages auszuh öhlen.
Das vorläufig abschließende Wort wurde in einer Weisung des Colonial Office vom 22. August 1921 an den Gouverneur des Territoriums Tanganjika gesprochen: » ... Ich teile Ihnen mit, dass ich unter den gegebenen Umständen nicht empfehle, weitere Schritte in dieser Angelegenheit zu unternehmen. Gezeichnet: Winston S. Churchill«
Am 3. Dezember 1930 stellte der Abgeordnete Charles Williams im Britischen Unterhaus dem Premierminister die Frage, ob § 246 des Versailler Vertrags vollständig erfüllt worden sei. Eine Zeitungsente in der Berliner »Nachtausgabe« hatte ihn dazu veranlasst. Nach der Meldung, die vom englischen »Daily Express« aufgegriffen worden war, hatten die deutschen Behörden drei Schädel nach London geschickt. Der Außenminister MacDonald Baldwin konnte diese Meldung nur dementieren und bemerken, die Frage nach dem Verbleib des Schädels von Makaua habe bisher nicht geklärt werden können.
»Der Schädel des Negerhäuptlings Makaua«
So lautete der ursprüngliche Titel des 1931 erschienenen Romans von Rudolf Frank. Dessen Quellen zum Verbleib des Schädels waren jedoch unvollständig. Wahrscheinlich bestanden sie nur aus dem Artikel in der »Nachtausgabe«. Er selbst glaubte nicht an eine historische Rolle des Häuptlings Makaua. Vielmehr genügte ihm die symbolische Bedeutung des Schädels. Seine Botschaft lässt er durch die Romanfigur Cordes aussprechen:
»Man hat nicht Makaua gesagt, man hat gesagt: Freiheit, Vaterland, Gerechtigkeit, einigen sagte man: Belgrad, andern: Re vanche, wieder andern: Väterchen Zar. Man sagte nicht Makaua, man sagte: Kultur, Zivilisation, Menschheit, man sagte sogar, ehrenvoller Friede. Aber das bedeutete alles das gleiche. Und wir alle haben draußen auf den Schlachtfeldern nichts von dem gefunden, was man uns daheim versprochen hatte: keine Kultur, keine Zivilisation und keine Menschlichkeit, so wenig wie ihr, meine schwarzen Brüder, den Schädel eures ehrwürdigen Häuptlings . .. Den Schädel eures Königs habe ich nie gesehen, und ich kann ihn euch so wenig geben, wie ihr mir die deutsche Kultur geben könnt oder dem toten Franzosen seine Revanche, den gefangenen Engländern hier die Freiheit der Meere, dort dem Unteroffizier Ender die Fahnen auf Belgrad und hier dem Emile ÄIbert mit dem amputierten Bein die Neutralität Belgiens. Wir alle, Schwarze und Weiße, sind in den Krieg gezogen für einen Wahn, jeder für einen andern, aber alle diese Wahnbilder sind im Blutdunst der Schlachtfelder zu nichts zerronnen.«
Der erfundene Held des Romans, Jan Kubitzki, weigert sich, zu einem Symbol in der Art des Schädels des Makaua zu werden, eines Symbols, das andere dazu veranlasst, in den Krieg zu ziehen oder z, B. Kriegsanleihen zu zeichnen. Als Jan realisiert, dass er zu einem »Schädel des Makaua« werden soll, verschwindet er.
»Kriegsroman für die junge Generation« lautete der Untertitel der Ausgabe bei Müller & I. Kiepenheuer von 1931. Es war ein Titel, der die Absicht des Autors verschleiern sollte. „Kriegsromane“ zu jener Zeit sollten die Kriegsbegeisterung schüren.
Als das Buch 1982 im Ravensburger Buchverlag neu erschien, erhielt es den Untertitel »Ein Roman gegen den Krieg«. Genau dies war er natürlich schon 1931. Die Reaktion des nationalsozialistischen Regimes auf das Buch be weist es: Unmittelbar nach der Machtergreifung 1933 wurde »Der Schädel des Negerhäuptlings Makaua« verboten und in der »Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums« vom 25. April 1933, Seite 39, aufgeführt. Es muss angenommen werden, dass das Buch den Bücherverbrennungen um den 10. Mai 1933 zum Opfer fiel, denn nach dem Zweiten Weltkrieg war es in deutschen Bibliotheken nicht mehr vorhanden und heute gibt es nur noch wenige Exemplare. Der künstlerische Schutzumschlag stammt von Laszlo Moholy-Nagy, Meister am Dessauer Bauhaus, das unter den Nationalsozialisten geschlossen wurde.
Eigenartig ist ein am 7. Juni 1933 - rund ein halbes Jahr nach der Machtergreifung - in Berlin erschienener Zeitungsartikel, der sich erneut mit dem Schädel des Makaua befasst. Dieser Wahrheit und Lüge mischende Artikel, der als aktueller Bericht aus London getarnt war, kann nur eine Reaktion auf den Roman gewesen sein. In dem Bericht wird eine erfundene Unterhausdebatte (ähnlich jener von 1930) zum Anlass genommen, den Makaua-Schädel und damit den Versailler Vertrag ins Lächerliche zu ziehen: Beim Schädel des Makaua handle es sich um eine ein Jahrhundert alte Sage. Ein englischer Geheimagent habe diese zu Beginn des Ersten Weltkriegs benutzt, um »die Eingeborenen Ostafrikas den Deutschen zu entfremden«. Sir Austen Chamberlain sei in Versailles von einer »ostafrikanischen Abordnung« auf die Idee des »lächerlichen Paragraphen 246« gebracht worden. Das Foreign Office habe 1930 »aus Berliner Sammlungen drei Negerschädel« bezogen und in einem Tresor verwahrt. Im Unterhaus habe nun Major Milner, Mitglied der Arbeiterpartei, die »richtige Erfüllung dieses seltsamen Paragraphen im Friedensvertrag« verlangt. Das »in tiefstem Ernst ausgesprochene« Begehren, eine »Königliche Kommission« aus den Herren Lloyd George und Churchill zu schaffen, sei auf allgemeines Gelächter gestoßen. Die erfundene Reportage schließt mit der Feststellung, »dass es im englischen Unterhaus immer noch Männer gibt, die auf eine gewissenhafte Erfüllung aller Bedingungen aus dem Friedensvertrag dringen, selbst wenn es sich um Dinge handelt, die eher in das Reich der Kuriositäten als in das der Wirklichkeit gehören.«
Der Roman wurde bis 1982 nicht wieder aufgelegt und war damit lange Zeit so gut wie verschollen. Doch durch die Diskussion über die Stationierung von Pershing-Raketen und das Aufkommen der Friedensbewegung erhielt er neue Aktualität. Für die Neuauflage des Romans wurde der Titel geändert. Die Bezeichnung »Neger« hat heute eine abwertende Bedeutung angenommen und entspricht nicht mehr politischer correctness. Aus dem Titel des ersten Romankapitels »Ein Junge, der seinen Geburtstag vergisst« wurde so der neue Buchtitel. Die amerikanische Übersetzung löste das Problem in anderer Weise, indem sie mit dem Titel »No Hero for the Kaiser« einen historischen Bezug herstellte.
Eine zweite anfechtbare Stelle der Ausgabe von 1931 wurde 1982 gestrichen, nämlich jene, wo in der Lazarett-Szene festgestellt wird, dass Neger anders riechen. Die Begründung dafür, die Rudolf Frank seinen Helden Cordes sprechen lässt, entspricht dem Wissensstand der Zeit und war gewiss nicht rassistisch: »Wahrscheinlich ist dein werter Geruch den Schwarzen genauso unangenehm; alles Geschmackssache, sprach der Affe und verspeiste seine Läuse.«
Diese beiden redaktionellen Eingriffe von 1982 - es sind die einzigen nennenswerten - zeigen, wie viel sensibler und »prüder« wir in den letzten fünfzig Jahren im Umgang mit Rassenfragen geworden sind.
Die Heimkehr des Schädels des Makaua
Sir Edward Twining, Gouverneur von Tanganjika, berichtet im Herbst 1954 ausführlich über die Geschichte des Makaua und seines Schädels: Im September 1951 habe ihm der Regierende Häuptling der Hehe, Adam Sapi, ein Enkel Makaua‘s, erklärt, dass sein Volk grossen Wert auf die Rückkehr des Schädels lege. Erste Nachforschungen blieben ergebnislos. Im Februar 1953 jedoch erhielt Twining die Mitteilung deutscher Behörden, der Schädel befinde sich möglicherweise im Bremer Völkerkundemuseum.
Im Sommer desselben Jahres besuchte Twining zusammen mit dem britischen Konsul W.E.D. Massey den Direktor des Völkerkundemuseums, Herrn Dr. Wagner. Konsul Massey habe seine Mission als »etwas makaber und einzigartig« empfunden, bemerkt Twining in seinem Bericht. Herr Wagner führte sie in einen Ausstellungsraum mit ausgestopften Tieren, Vögeln, Reptilien und Skeletten aller Art. Dann öffnete er einige grosse Schränke, in denen sich nicht weniger als 2000 menschliche Schädel befanden. Schon fürchtete Twining um seine Mission. Doch Direktor Wagner versicherte ihm, nur 84 dieser Schädel stammten aus Deutsch-Ostafrika und andere ostafrikanische Schädel gäbe es in Deutschland nicht (diese Aussage scheint damals unzutreffend gewesen zu sein). Daraufhin wurden jene 84 Schädel aussortiert und nach Schädelindizes aufgereiht.
Für einmal scheinen Schädelmessungen einen Nutzen gehabt zu haben. Die Masse des Kopfes von Häuptling Adam Sapi und anderer Familienmitglieder ergaben die Zugehörigkeit zu Gruppe 71. In dieser kleinen Gruppe fand sich ein Schädel mit Kugeleinschuss in der Stirn und einer von einem harten Gegenstand herrührende Verletzung. In Afrika hatte man dem Gouverneur gesagt, Makaua‘s Schneidezähne seien intakt und in gutem Zustand gewesen. Das traf auch auf die noch vorhandenen Zähne des Schädels zu. Es fanden sich dann in einem separaten Bündel noch die dazugehörenden Kinnladeknochen. Eine gerichtsmedizinische Untersuchung ergab, dass der Einschuss in der Stirn dem Patronenkaliber der von der deutschen Schutztruppe verwendeten Waffen entsprach. Die auffällige Helligkeit des Schädels stimmte überein mit der Überlieferung, er sei an der Sonne getrocknet worden. Twining legte dem Enkel einen ausführlichen Bericht und Fotos vor, woraufhin der Häuptling die Echtheit des Schädels akzeptierte.
Am 19. Juni 1953 wurde der Sch ädel des Häuptlings Makaua den Hehe zurückerstattet. Laut Twining geschah dies mit einer »sehr bewegenden und dramatischen Feierlichkeit«: Ehrengarde, Hehe-Polizei und vierhundert Veteranen des Zweiten Weltkriegs paradierten vor mehr als dreißigtausend Menschen. Es herrschte absolute Stille und eine spannungsgeladene Atmosphäre. Zwei unbewaffnete Polizisten bahnten fünfhundert mit Speeren bewaffneten, höchst erregten Hehe den Weg.
Der Schädel des Makaua wurde in ein neu erbautes Mausoleum in Iringa gebracht und von Mitgliedern der Leibgarde bewacht. Ältere Hehe erwirkten die Erlaubnis Adam Sapis, nachts mit dem Schädel Zwiesprache zu halten.
Twining schreibt, seine letzten Zweifel an der Echtheit des Sch ädels seien verschwunden, als er den Bericht von Magdalena Prince gelesen habe. Auch die Hehe hegten keinerlei Zweifel. Als Zeichen ihrer Dankbarkeit lie ßen sie dem Bremer Museum einige Gegenstände von ethnologischem Interesse zugehen. Diplomatisch bezeichnet Twining ihre Haltung gegenüber den Deutschen als ritterlich und von Dankbarkeit geprägt.
Eine R ückfrage im Übersee-Museum der Freien Hansestadt Bremen, ob die Schilderung Twinings zutreffe und möglicherweise sogar ergänzt werden könne, beantwortete dessen Direktor Dr. Herbert Ganselmayr am 27. Januar 1988 ausweichend. Rückfragen bei Mitarbeitern aus den 50er Jahren hätten den Bericht bestätigt, »Weitere Informationen oder Unterlagen sind im Archiv des Übersee-Museums leider nicht vorhanden.«
Der Schädel befindet sich heute nicht mehr im Mausoleum in Kale sondern an einem »sicheren Ort«. Im Mausoleum sind nur Fotos und ein postum angefertigtes Porträt Makaua‘s zu sehen.
Zur Frage, ob die Hehe nun wieder in Frieden und Freiheit leben, schreibt. Professor J. C. Winter: »Ich habe 1964 Gelegenheit gehabt, mich mit Mitgliedern der Familie Makaua im Hehe-Land zu unterhalten. Wir kamen auch auf den Schädel zu sprechen, der damals schon seit einer Dekade zurückgegeben war. Die Haltung der Familienmitglieder war etwa die: ‚Nun ist alles wieder in Ordnung.‘ Die Haltung einfacher Mitglieder des Hehe-Volkes war etwa: ‚Was geht uns das an? Das war eine Sache zwischen der Mkwawa-Familie und den Kolonialisten.«
Dr. Vincent C. Frank
frank.basel@freesurf.ch
Der Autor dankt Prof. Dr. J.C. Winter, Bayreuth, für die Nennung von Literatur über Makaua und Annegret Ehmann, Berlin, für die Erhellung der ideologischen, wissenschaftlichen und personellen Kontinuitäten. Sehr hilfreich waren das Public Record Office, Kew/Richmond, dessen Bestände rasch greifbare Resultate ermöglichten. Hilfsbereit zeigte sich auch das ehemalige Zentrale Staatsarchiv der DDR, Potsdam.
|